Samstag, 12. Juli 2014

Für viele ein rotes Tuch, für mich pures Faszinosum

Meine bisherigen Erfahrungen mit der Tour de France sind ziemlich klar: entweder der Gesprächspartner liebt sie oder er hasst sie - wie den gesamten Profi-Radsport. Ich beziehe mich ausschließlich auf den professionellen Radsport.
So in etwa sieht das auch bei unseren Zuschauern aus - selbst bei denen, die selber mal Amateure waren oder sogar in Richtung Profi gingen. Die Hasser fordern uns dazu auf, etwas Anderes zu zeigen. So nach dem Motto "sind doch eh alle gedopt, der Sport ist komplett verseucht". Man wirft uns Scheinheiligkeit vor, wir wären genauso wie ARD und ZDF, nur dümmer.
Abgesehen von der Beleidigung ist das auch sachlich falsch. Unsere Berichterstattung setzte sich aktiv mit dem Thema auch während der Übertragung auseinander, anstatt zu pauschalisieren und parteiisch zu berichten.
Auch in diesem Jahr werden - wenn es Fälle gibt - wir darauf eingehen und das Ganze beleuchten. Wir werden aber niemanden anklagen und als Betrüger abstempeln. Erschwerend hinzu kommt noch, dass wir uns nicht auf die deutschen Fahrer fokussieren. Klar berichten wir über Etappensiege von Marcel Kittel und Andre Greipel. Aber: wir sind ein pan-europäischer TV-Sender mit Sitz in Paris. Wir dürfen gar nicht ausschließlich über die Deutschen berichten. Das widerspräche unseren Idealen.
Wir werden zwar dafür kritisiert, die deutschen Fahrer zu wenig zu erwähnen. Das kann ich auch verstehen, weil sich unsere Zuschauer das natürlich wünschen. Aber das ist eben nicht unser Konzept. Unser Kommentatoren-Duo Karsten Migels und Jean-Claude Leclercq (ein Deutscher und ein Schweizer) macht einen tollen Job. Und warum sollte man die Positionen der Deutschen erwähnen, wenn sich im Renngeschehen eh nichts tut?
In unserer Branche muss man ein dickes Fell haben. Es gibt keinen am Mikrofon, der es in der TV-Geschichte bisher allen hat recht machen können. Das ist auch unmöglich, wenn ihr mich fragt.
Wie die allermeisten von euch wissen, möchte ich später selbst einmal große Sportereignisse am Mikrofon begleiten. Dazu mag meine jetzige Praktikumsstelle nicht zu 100 Prozent passen, jedoch härtet mich jeder Tag mehr am Zuschauertelefon ab. Das ist ideales Training. Man darf sich nicht alles nachsagen und gefallen lassen. Je nach Situation reagiert man: man lässt das gehaltlose Geschwätz geschehen und sich anschreien, wenn der Fall hoffnungslos ist. Mal legt man auch auf, denn man kann sich sicher sein, dass die Person am anderen Ende der Leitung nie wieder anrufen wird.
Sachliche Kritik hört man sich an und gibt sie weiter, wie es sich gehört. So traurig es klingen mag: ich bedanke mich mittlerweile bei den Leuten, die sachlich kritisieren. Denn von denen gibt es nicht viele.
Gestern rief ein Ur-Berliner an und sagte mir, man solle doch den bekloppten Amerikaner (gemeint war unser Experte Greg LeMond) entfernen. Der wäre 17 Jahre nicht bei der Tour gewesen und will jetzt nur seine Fahrräder verkaufen. Punkt zwei ist kompletter Schwachsinn. Was glaubt der denn, was wir dem bezahlen? Erstens dürfen wir solche Werbung gar nicht machen und zweitens ist Eurosport nicht so liquide wie - da sind wir wieder - die öffentlich-rechtlichen. Wir sind eine kleine Mannschaft, die mit ihren Mitteln und bestem Wissen und Gewissen Sportberichterstattung machen.
Wir haben tolle Menschen an Bord, gerade beim Radsport. Neben Leclercq und Migels, teilweise am Mikro, teilweise an der Tastatur, Andreas "Schulle" Schulz. Ein super sympathischer Typ und absoluter Guru, der eine absolut lesenswerte Serie mit dem Titel "Kein Tag wie jeder andere" täglich zur Tour produziert.
Und auch das Team vor Ort - natürlich international, weil es für 56 Länder ist - ist toll. Der Berliner hätte gerne einen Rudi Altig vor Ort dabei. Doch da stehen gleich mehrere Probleme im Raum:
die Frage: will Rudi Altig das überhaupt? Wenn ja, wie ist sein Englisch? Und zu Guter Letzt der allerbeste Grund und zwar, dass Altig sich nach seiner Hochzeit wie so viele seiner Zeit zum Doping bekannt hat. Er wird zwar verehrt, aber ein Satz wie "ich war schlau genug Sachen zu nehmen, die man im Blut nicht nachweisen kann" zeugt nicht von Glaubwürdigkeit und Authentizität.
Da ist LeMond die deutlich bessere Wahl. Der Mann hat tolle Geschichten geschrieben: das Duell mit dem großen Bernard Hinault (war auch ein Vorschlag des Herren, geht aber leider wegen seiner Arbeit im Tour-OK nicht) und seinem Toursieg 1988 nachdem ihm sein Schwager im Jahr vorher eine Schrotladung in den Leib gejagt hat und nicht zuletzt die knappste aller Tour-Ausgaben 1989, wo er mit acht (8!) Sekunden Vorsprung durch einen Sieg im Abschluss-Zeitfahren über 24,8 Kilometer von Versailles nach Paris Laurent Fignon (viel zu früh mit 50 Jahren verstorben) doch den Tour-Sieg entriss. 82 Meter fehlten dem Franzosen damals zum Sieg. Er ist rhetorisch kompetent und neutral, besser geht's doch nicht.
Ich finde unser Paket rundum gelungen und ich habe wie jedes Jahr Spaß an der Tour bei Eurosport.
Wir genießen es, exklusiv in Deutschland zu übertragen.
Ich habe seit jeher immer die Tour bei Eurosport verfolgt, weil mir das Paket an sich gefällt. Die Giganten und Sklaven der Grand Boucle, die Etappen, Dramen, Mythen und Heldengeschichten, die es nun seit 111 Jahren und 101 Ausgaben gibt und weiterhin geben wird und Eurosport sind einfach eine tolle Kombination.Und das Thema Doping steht für mich auf einem anderen Blatt.
Untypisch für mich, dass ich an diesem letzten WM-Wochenende nichts dazu schreibe, aber dazu wird der Montag dienen. Euch viel Spaß und sportliche Grüße für das Wochenende!

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