Donnerstag, 17. Juli 2014

Wer alle Prüfungen besteht und "wer das Endspiel gewinnt, der ist Weltmeister" - eine Kollaboration von Franz Beckenbauer und mir

Herzlich Willkommen also zur kleinen, feinen WM-Rückblicksserie.
Beginnen möchte ich heute mit einer kurzen Abhandlung aller deutschen Spiele im Laufe des Turniers und erklären, wieso ich spätestens nach dem Algerien-Spiel fest der Überzeugung war, dass das deutsche Team den vierten Stern erhalten wird.
Viel Spaß!

1. Vorrundenspiel gegen Portugal, Ergebnis: 4:0.
"Lieber direkt zum Auftakt eine Mannschaft kriegen, die richtig fordert", habe ich mir vor der WM-Auslosung gewünscht. Und der Zufall oder das Schicksal hat es so gewollt.
Aber wie man im Turnierverlauf erkennen konnte: Portugal war keine wirkliche Mannschaft. Das hat selbst Cristiano Ronaldo eingesehen, der seinerseits ebenfalls ein unterdurchschnittliches Turnier spielte.
Letztendlich lief alles wie am Schnürchen: der Elfer, den man geben kann, aber nicht muss. Das 1:0, die provozierte Tätlichkeit von Pepe, ein brillanter Kopfball von Mats Hummels und zwei typische Müller-Tore sorgten für einen Auftakt nach Maß. Löws Team nutzte konsequent alle sich bietenden Chancen. Ein wichtiger Faktor im Turnierverlauf.

2. Vorrundenspiel gegen Ghana, Ergebnis 2:2.
Ein zähes, kampfbetontes Spiel gegen einen sich wehrenden Gegner sollte es werden. Das war nun ein Härtetest, wie man ihn auch braucht. Das erste Spiel ging von sich aus nach Deutschland, nun wurde alles gefordert: Kampfgeist, Kraft, Kondition und auch mal unkonventionelles. Und auch Miro Klose. Sein 15. WM-Tor war unglaublich wichtig. Das Tor von Götze per Knie war zwar mit Glück, aber auch gut gemacht. Und dann glich Klose das 2:1 von Asamoah Gyan aus. Es sollten die letzten acht (8!) Minuten des Turniers bleiben, in denen das Team zurücklag. Ich bin der Meinung, dass in diesem Charaktertest der letzte fehlende Grundstein für das erfolgreiche Abschneiden im Turnier gelegt wurde. Man hat den Schock eines Rückstandes nahezu postwendend verkraftet und - wenn auch nicht schön - zählbares mitgenommen.

3. Vorrundenspiel gegen USA. Ergebnis: 1:0.
Da muss man gar nicht so viel zu sagen: Pflichtaufgabe erledigt. Hinten nicht viel zugelassen und mitten in einer Drangphase das wichtige 1:0 gemacht. "Ich habe endlich auch mal ein schönes Tor geschossen", sagte Thomas Müller danach. Wie recht er doch hatte! Und man hatte nach den zwei Gegentoren gegen die Ghanaer bewiesen, dass man auch gegen willensstarke Amerikaner nicht viel zulassen würde. Nachdem Löw für seine vier-Innenverteidiger-auf-den-vier-Abwehrpositionen-Taktik nach dem Ghana-Spiel förmlich zerrissen wurde, bewies dieses Spiel, dass es eben doch die richtige Taktik ist.

Achtelfinalspiel gegen Algerien. Ergebnis: 2:1 n.V..
Dass die Wüstenfüchse eine zähe und unberechenbare Mannschaft sind, haben sie allein durch ihr Weiterkommen bewiesen. Und rennen konnten die schon immer. Sie haben auch bei weitem nicht so defensiv gespielt, wie manch einer erwartet hätte. Das kann man auch anhand der Anzahl der Ausflüge Manuel Neuers auch ganz leicht belegen. Zugegebenermaßen hatte ich schon bei der ersten Aktion von ihm die ersten Ängste und das war bis zum Schlusspfiff auch nicht anders. Und dennoch waren zwei Sachen herausragend und auffällig: die Erfahrung aus dem Ghana-Spiel, wie es ist gegen so einen taffen Gegner spielen zu müssen, kam hier eindrucksvoll zur Geltung. Keiner verlor die Nerven und man spielte weiterhin konzentriert und zielstrebig. Und: André Schürrle ist DER Joker überhaupt. Genau in solchen Situationen kann man ihn bringen, dann ist er effizient. Er ist noch nicht komplett genug für die Startelf.
Aber für tabulose Tempodribblings gegen müde Verteidiger ist er der Beste. Er hat das Spiel entschieden und das sollte auch noch ein weiteres Mal so sein...

Viertelfinalspiel gegen Frankreich. Ergebnis: 1:0.
In diesem Spiel siegte definitiv die Abwehr. Es ging gegen die bis dato - für mich - beste und überzeugendste Mannschaft des Turniers. Doch die schien der größten Herausforderung nicht ganz gewachsen zu sein. Die Franzosen hatten Chancen, gute sogar. Doch der wuchtigste Kopfball, den ich seit dem Vorrundenspiel gegen Portugal (haha) gesehen habe und ein Neuer (Wortwitz!) Titan im Tor brachten uns ins Halbfinale. Und was das für ein Spiel war, das erzählen wir noch unseren Enkeln, das sage ich euch!

Halfinalspiel gegen Brasilien. Ergebnis; 7:1.
Bis heute rätseln Fachforscher, was denn da eigentlich genau passiert ist. Wie konnte es zu dem höchsten Sieg überhaupt in der K.O.-Phase der WMs kommen? Meine Theorie ist Folgende:
Die Brasilianer lebten bis zu diesem Spiel von den beiden Spielern, die NICHT teilnehmen konnten respektive durften - Neymar und Thiago Silva. Ein Genie am Ball und einer der besten Innenverteidiger des noch jungen Jahrtausends. Es lastete ein ungeheurer Druck auf sie und dem waren sie nach dem Ausfall dieser beiden Stützen nicht mehr gewachsen. Den Spielern sah man nur beim Hymnen-Singen an, dass sie wollten. Den Deutschen ab eine Minute vor Anpfiff bis nach dem Spiel. Und so kam es, dass der Sympath Dante zur ärmsten Sau des Turniers wurde. 90 Minuten gegen seine besten Kumpels und er bekam sieben Gegentore eingeschenkt. Die ersten fünf davon in den ersten 29 Minuten dieses bekloppten Fußballspiels.
Doch nicht nur er: sondern auch Torwart-Opa Julio César, Tahiti-Bob-Double David Luiz und neben weiteren Weltklassespielern auch Fred, der mir dann doch irgendwann Leid tat, als er ausgepfiffen wurde. In den ersten 10 Minuten stürmten die Brasilianer vogelwild und durchgedreht auf das deutsche Tor - ohne Konzept und ohne Gefahr. Und dann steht nach einer wunderbaren Ecke und einem cleveren Block von Mats Hummels gegen David Luiz Thomas Müller mutterseelenallein am Elfmeterpunkt vor dem Tor und netzt cool ein. Viele vergessen, dass es dann ja nochmal 12 Minuten bis zum nächsten Tor gedauert hat. Also diesen Schock haben die Gastgeber noch gut verkraftet. Aber dann kam der ewige Klose und zwang den Mann, der ihm vor dem Turnier eine Verletzung gewünscht hat, dazu, zuzugeben, dass er doch ein Tor mehr geschossen hat als eben dieser Ronaldo.
Dann schien für das Team von Luiz Felipe Scolari eine Welt zusammenzubrechen. Zwei technisch hochwertige Tore von Toni Kroos und dann noch ein Khedira-Tor, was wunderbar herausgespielt war, manifestierten das 5:0 zur Pause. Die Mannschaft von Joachim Löw spielte gnadenlos effektiv und trat den am Boden liegenden Gegner nochmals K.O.
Das 7:0 war dann die Kirsche auf der Sahnetorte, der i-Punkt auf dem I oder auch das Trinkgeld auf der Rechnung: Schürrle schaut nicht, wo das Tor steht, sondern er weiß es und zieht ab. Und solch ein Tor gelingt nur an einem Sahnetag. Das 7:1 ist dann lediglich der Tintenklecks auf einem ansonsten fantastisch gemalten Aquarell.

Finale gegen Argentinien. Endstand: 1:0.
Dies ist das letzte Spiel in der Kette Ghana-Algerien-Argentinien. Allein am Spiel Bastian Schweinsteigers kann man festmachen, was die Tugenden waren, die nötig waren und zutage getreten sind, um letztendlich diesen Titel zu erringen. Neben ihm hat Jérome Boateng das wohl beste Spiel seiner Karriere gemacht.
Das Spiel dürften alle gesehen haben und jeder hat seine eigene Meinung dazu.
Der Blog-Artikel ist nun lang genug und wir wollen es auch dabei belassen.
Meiner Meinung nach ist es eine Kette von Ereignissen, die mehr oder weniger kausal erklärbar zusammenhängen - was hinterher natürlich leicht zu sagen ist. Ich glaube jedoch daran, dass eine solche Entwicklung existiert hat bzw. existieren kann. Für Diskussionen bin ich aber natürlich gern zu haben.
In diesem Sinne bis morgen und zur nächsten Folge der Serie!

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