Mit 19 hat man noch nicht viel von der Welt gesehen oder sehen können, was ja auch irgendwo vollkommen normal ist. Mit 19 hasst man Montage, mit 40 wahrscheinlich auch. Man hasst auch Regen, selbst wenn man nix vom Wetter hätte, weil man ja arbeiten muss. Genauso wenig kann man in diesem Moment aber auch die Sonne ab.
Zumindest geht es mir so, mir kann man es nur ganz schwer recht machen. Aber entgegengesetzt zum üblichen Schema war das heute mal ein richtig cooler Montag.
Er fing zwar blöd an mit nass-grauem Wetter, aber das kenne ich ja von zuhause auch nicht so wirklich anders. Da hat die U-Bahn aber ihre Vorteile. Denn im Gegensatz zur Bielefelder Verkehrsmitteln ist die immer perfekt temperiert. Im Büro selber lief es dann auch direkt wie am Schnürchen.
Mein Chef und auch mein Sitznachbar - Mr. Cocoon auch genannt - waren schon da und als ich nach meinem Ritual - dem Wasserglas aus der Küche holen, die am anderen Ende des Geschosses ist - zurückkam, war auch die Post schon da. Das ist jeden Tag meine erste Tätigkeit: ich sortiere die Post für die Belegschaft in die Fächer ein und jeder kommt, wenn er lustig ist, um sie abzuholen.
Auch die Päckchen, die im Laufe des Tages eintrudeln, nehme ich entgegen. Ich bin quasi der erste Mitarbeiter, dem man begegnet, wenn man durch die Eingangstür kommt. Diese öffne ich mit der Klingeltaste, wenn ich an meinem Platz bin. Die angenommenen Pakete bringe ich dann persönlich zum Mitarbeiter auf dem Adresszettel. Normalerweise wäre der Empfangs-Mensch dafür zuständig, doch die Stelle ist schon seit längerem nicht mehr besetzt. Aus Kostengründen.
Aber weshalb ich im Business angekommen bin, liegt an folgender Tatsache: ich habe heute zwei Meetings mitgemacht. Ein Abteilungsmeeting zur neuen Programmwoche und ein außerordentliches Meeting, weil unser Abteilungsleiter und unsere PR-Chefin am Mittwoch in die Sendezentrale nach Paris aufbrechen.
Im Meeting zur Programmwoche sprechen wir die Wochen-Highlights und mögliche Besonderheiten durch.
An der aktuellen Kalenderwoche lässt sich das Prozedere ganz gut erklären: am Samstag startet die Tour de France. Wir steigen aber schon am Freitag mit der Teamvorstellung ein. Zudem fahren wir ein dickes Liveprogramm mit über 90 Stunden live und fachkundigem Personal. Neben unserem Stammkommentatoren gehört auch Greg LeMond zum Eurosport-Team.
Der Ablauf wird grob skizziert und ich werde instruiert, welche Zuschaueranregungen und -fragen kommen könnten und wie ich zu antworten habe. Mein Chef meinte aber, es klappt alles schon ziemlich gut, ich verhalte mich so wie gewünscht und erzähle nichts falsches und verbotenes. Das gibt mir ein ziemlich gutes Gefühl und ich komme größtenteils auch positiv auf der anderen Seite der Leitung beim Anrufer an.
Das zweite Meeting fand unmittelbar danach statt und dauerte rund 1 1/2 Stunden.
Prinzipiell ging es dabei um eine genauere Positionierung unseres Senders auf dem Markt, wie jetzt nach der Übernahme durch Discovery weiterverfahren wird und neue Social Media-Strategien. Ich fand es sehr interessant zu sehen, wie jemand, der aus der Kommunikationsbranche kommt, zugleich an Unis doziert, aber auch seit fast Anbeginn unserer Existenz für ein Unternehmen arbeitet und das miteinander kombiniert.
Rhetorisch begabt, voll im Geschäft drin, aber trotzdem für einen Neuling wie mich absolut nachvollziehbar erklärt, was Sache ist und wie er handeln würde und sich mit der Chefetage in Paris dann beraten wird.
Ich kann und darf hier keine Einzelheiten nennen, aber Eurosport ist im Wandel und es wird eine "wahnsinnig spannende Zeit", die jetzt kommt.
Und ich konnte auch meine Fragen und Ideen loswerden, was nach drei Arbeitswochen schon eine ganz nette Bilanz ist - meiner Meinung nach.
Zum Schluss noch der Erläuterung des ersten Teils des heutigen Titels: dieses Ankommen wurde komplettiert durch den Erhalt meiner ersten offiziellen Gehaltsabrechnung. In dem Moment hat es bei mir Klick gemacht und ich habe da zum ersten Mal realisiert, was ich jetzt eigentlich mache.
Aus diesem fast schon heiligen Gefühl riss mich dann die größte Kuriosität, die ich seit meinem Arbeitsbeginn erlebt habe. Ein Zuschauer aus Koblenz rief an und stellte wortwörtlich die Frage: "sagen Sie, junger Mann: wissen Sie, ob die Erotik-Hotlines ab Seite 700 abopflichtig sind?".
Ich biss mir in meine Hand um nicht laut loslachen zu müssen und sagte dem Zuschauer, dass ich das nachfragen müsste. Das habe ich auch getan. Mein Kollege zuckte nur mit den Schultern und gab eine Standardantwort von sich. "Damit wird sich der werte Herr nicht zufrieden geben. Check doch mal eine der Seiten". Wiederwillig tippte Mr. Cocoon eine der 100 möglichen Nummern für den Teletext-Part mit der Erotik ein und murmelte: "das ist mein erstes Mal....". Obwohl ich den Hörer krampfhaft zuhielt und mir vornahm nicht zu lachen, platzte es aus mir raus. Auch am Telefon wurde offensichtlich gelacht. Dass Mr. Cocoon dann ausgerechnet auf eine Seite mit dem Text "gib dein Zepter in unsere Hände" geleitet wurde, gab uns den Rest und die ganze Abteilung von sieben Leuten lachte schallend.
Ich musste nun ja noch zurück zu meinem Anrufer. Also trank ich einen Schluck Wasser, legte meine Stimme tiefer und sagte: "wissen Sie, die Seiten werden von extern gefüttert, wir tun da nix zu. Aber auf jeder Seite steht drauf, ob es sich um ein Abo handelt". Die Antwort: "Sie haben so viel Erotik-Seiten, das wissen Sie auch, gell? Da klicke ich mich durch alles durch, das schaffe ich nicht. Ich habe nur mal gelesen, dass das alles Abofallen sind. Aber trotzdem schönen Dank".
Ich war dem Anrufer echt dankbar, dass er es dabei belassen hat und weder das diskutieren, beschimpfen oder ausfragen angefangen hat. Mein Chef meinte nur: "am besten probiert er's aus, dann weiß er's ganz sicher." Aber dieser Anruf versetzte mich zurück ins "normale" Leben mit allen Facetten.
Das ist auch wichtig und so bin ich. Abheben sollen andere, ich bleib auf'm Teppich. Mit 19 hat man noch nichts erreicht, was auch irgendwo logisch ist.
Dennoch möchte ich vor dem Deutschlandspiel noch eine Anmerkung loswerden. Ich hoffe, mir nimmt's keiner krumm, aber seit drei Wochen bin ich ja jetzt Zuhörer über Beschwerden und Anregungen, jetzt möchte ich mal die Seite wechseln: der französische Nationalspieler mit der Rückennummer 11, Antoine Griezmann, ist ein toller Fußballer. Deswegen wünsche ich ihm und uns auch, dass Wolf-Dieter Poschmann kein Spiel mehr von ihm kommentiert. Die Aussprache - wie auch die restliche Leistung - war unterdurchschnittlich. Das fing schon mit dem einleitenden Satz zur Reportage an: "wie man hört, haben die Nigerianer in ihrer Kabine die versprochene Siegesprämie in Bargeld rumliegen - so wie man es von den Afrikanern denkt". Ich habe an dieser Stelle genug zu Poschmann gesagt, jeder kann sich zum letzten Satz seinen Teil denken, wie ich es auch tue. Stattdessen wünsche ich euch nun viel Spaß beim Achtelfinale von Jogis Jungs gegen Algerien und uns das Weiterkommen!
Euer Luis
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